Archiv für Mai, 2013

Natürlich bin ich nicht im eigentlichen Sinne der Gewinner des Eurovision Songcontest, aber es ist genau das eingetroffen, was ich nach einer ausgiebigen, knapp 30minütigen Recherche vermutet habe, während der ich gleich mehrere Auftritte komplett gesehen habe:
Dänemark hat gewonnen und auch ich fühle mich als gewinner, weil meine Vorhersage eingetroffen ist.

Anders gesagt: Es ist das passiert, was jeder erwartet hatte.

Dabei ist der Gewinnertitel im Endeffekt überhaupt nichts besonderes:
Ein bisschen schöner Gesang, ein ansprechender Rhytmus, nette Melodie und (um nur ein klein wenig aus der Masse hervorzutreten) enthält die Musik noch ein heutzutage eher exotisches Instrument: den Dudelsack.

Im Prinzip haben die Macher des Songs nur Altbewährtes kombiniert und ein seichten Ohrwurm erschaffen, der zwar die Meisten wohl nicht allzu sehr vom Hocker haut, aber auch nur bei den Allerwenigsten einen negativen Eindruck hinterlässt.

Doch da es keinem der anderen 38 Teilnehmern gelungen ist, ein gleichermaßen grundsolides Stück zu produzieren, kam es, wie es kommen musste und „Only Teardrops“ machte mit überragendem Vorsprung das Rennen.

Besonders interessant fand ich dabei, dass der Siegersong nur in den wenigsten Ländern die Höchstpunktzahl von 12 geholt hat, meistens waren es nur ca. 6-8 Punkte, die das Stück erhielt.
Dafür bekam es aber Punkte aus praktisch jedem Land, während andere Titel mal 12 Punkte aus dem einen und dann wieder keinen einzigen Punkt aus einem anderen erhielten.

In diesem Punkt unterscheidet sich der Eurovision Songcontest nämlich von anderen Wettbewerben:
Höchstnoten sind weniger relevant, was wirklich zählt ist das Mittelfeld.

Genauer gesagt: In sehr vielen Fällen gehen die 12 Punkte aus einem Land meistens an das Land, das die dortige Bevölkerung am meisten mag oder an das angrenzende Land, aus dem die meisten Leute extra über die Grenze kommen, um das Voting zu beeinflussen. (Da aber kein Land der Liebling all zu vieler anderen Teilnehmer ist, gleicht sich dies am Ende meist irgendwie aus.)

Wenn dann die Liste der jeweiligen Lieblingsländer abgearbeitet wurde, kommt erst der Faktor Qualität ins Spiel: Wenn ein Lied allgemein gut aufgenommen wird, kriegt es unabhängig von seinem Ursprungsland halt immer ein paar Punkte ab.
Aus 39 Einzelwerten, von denen die meisten stark durch Faktoren bestimmt werden, die überhaupt nicht relevant sein sollten, ergibt sich letztendlich ein überraschend objektives Ergebnis. Nur selten werden die Grundlagen der Statistik so lebensnah und unterhaltsam präsentiert!

Besonderen Spaß bereitet mir das ESC-Voting aber jedes Mal wegen all den zusätzlichen Informationen, die es enthält:

In erster Linie erfährt man natürlich, wie die Einwohner der einzelnen europäischen Länder zu den anderen teilnehmenden Ländern stehen. (Vermutlich sitzen morgen in ganz Europa Politikwissenschaftler zusammen und analysieren akribisch von einem Gesangswettbewerb geliefertes Datenmaterial.)

Aber auch aus musikwissenschaftlicher Sicht ist das Event äußerst interessant, denn es liefert das wahrscheinlich aussagekräftigste Datenmaterial über dem durchschnittlichen Musikgeschmack in Europa. Im Gegensatz zu Verkaufscharts, die zwar einen noch größeren Bereich erfassen, ist das Ergebnis des Contests nämlich nicht durch Werbung beeinflusst.

Selbst das Alter der aktuellen Zielgruppe des Wettbewerbs selbst lässt sich anhand der Punkteverteilung schätzen, ohne auch nur einen Blick auf die Quoten werfen zu müssen:

Großbritannien hat nämlich mit Bonnie Tyler eine weltbekannte Künstlerin ins Rennen geschickt, die gerade bei älteren Generationen sehr beliebt ist.
Frankreich hingegen hatte zwar eine weniger bekannte Vertreterin, aber deren Song war eine äußerst solide Umsetzung der Art Rockmusik, die die Generation meiner Eltern früher mit Begeisterung gehört hat und auch noch heute mit Begeisterung hört.

Aus dem totalen Flop beider Beiträge schließe ich also, dass der ESC nicht, wie ich manchmal vermutet hatte, ein Relikt aus vergangenen Zeiten ist, das sich weigert zu sterben, sondern noch immer das Interesse insbesondere jüngerer Menschen weckt.

In anderen Worten: Ich bin nicht merkwürdig, weil ich als unter 30jähriger den Grand Prix d’Eurovision anschaue. Hurra!

Aus der Platzierung des deutschen Beitrags konnte ich allerdings nur zwei Dinge entnehmen, die mir auch schon vorher bewusst waren:
1.) Der deutsche Beitrag war schlichtweg nicht gut.
2.) Fernsehmoderatoren geben oft ziemlichen Mist von sich, in diesem Fall die wiederholte Beteuerung, dass der deutsche Beitrag eine so schlechte Platzierung eigentlich nicht verdient hätte.

Sehr gelungen fand ich die Moderation allerdings, als der Moderator die Mitglieder der deutschen Jury aufzählt und dabei mit „und Florian Silbereisen, der ja eigentlich eher ein Rocker ist“ endete.
Sarkasmus beim öffentlich-rechtlichen, wer hätte das gedacht?! Vielleicht gibt es ja doch noch eine Hoffnung für die Zukunft der staatlichen Sender…