Warum ich keine DVDs kaufe (obwohl ich es gerne würde)

Veröffentlicht: 13. Juli 2013 in Politik & Gesellschaft
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Vor ein paar Tagen habe ich etwas für mich äußerst untypisches getan:
Ich habe mir den Film „God Bless America“ auf DVD gekauft.

Eigentlich tue ich so etwas nicht, aber der Film hatte mich derart begeistert, dass ich mir dachte: „Ich möchte die Macher dieses Films unterstützen!“.
Also habe ich mir auf Amazon eine schöne Version herausgesucht, die für 10 Euro sogar noch diverse Bonus-Features wie z.B. Kommentare bietet, die ich mir in diesem Fall sogar gerne ansehen möchte und eigentlich bereue ich den Kauf auch nicht. Im Gegenteil: Ich freue mich, die Macher eines außergewöhnlichen Films unterstützt zu haben und hoffentlich damit zu deren Motivation, weiterhin Filme zu drehen, die nicht allein auf kommerziellen Erfolg ausgelegt sind, zu produzieren.

Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen, denn ich habe gleichzeitig auch die sogenannte „Contentmafia“ unterstützt, womit ich den riesigen Apparat der Unterhaltungsindustrie meine, der kontinuierlich daran arbeitet, sogenannte „Raubkopierer“ (womit selbst Menschen, deren größtes Verbrechen darin besteht, unauthorisierte Kopien von Filmen anzusehen) zu kriminalisieren und neue Wege zu erschaffen, aus dem „Schutz der eigenen Urheberrechte“ Gewinn zu erwirtschaften.

Die „Contentmafia“ hat es nicht nur geschafft, die Politik derart zu beeinflussen, dass in seltenen Einzelfällen die illegale Vervielfältigung von urheberrechtlich geschütztem Material härter bestraft wird als manche Verbrechen. Eigentlich ist die Aussage „Raubkopierer werden heutzutage schwerer bestraft als Kinderschänder“ sogar eines der dämlichsten Argumente gegen den Urheberrechtswahn, denn im Normalfall werden für ersteres höchstens Geldstrafen verhängt (außer es geht um kommerziell motivierte Verstöße im großen Stil), während Kindesmissbrauch nicht nur vor Gericht durchaus sehr ernst genommen wird.

Andere „Erfolge“ der Unterhaltungsindustrie sind dagegen deutlich problematischer:
Durch kreative Auslegung der Realität ist es ihnen unter anderem gelungen, aus Fällen, in denen Menschen ein paar Musikstücke oder einen einzelnen Film heruntergeladen haben, Schäden von mehreren tausend Euro zu errechnen und diese vor Gericht einzuklagen.
In Einzelfällen ging dies schon soweit, dass Menschen in finanzieller Hinsicht komplett vernichtet wurden, weil sie den Fehler gemacht haben, eine CD im Wert von 20€ illegal herunterzuladen und dafür einen Schadensersatz im 5 bis 6-stelligen Bereich zahlen müssen. Bei einem normalen Einkommen kann das Abtragen derartiger Schulden zur Lebensaufgabe werden.

Auch, wenn es um das Beschneiden von Bürgerrechten geht, ist die Unterhaltungsindustrie immer ganz vorn dabei:
Als vor ein paar Jahren unsere Regierung die grandiose Idee hatte, das Internet in verfassungsfeindlicher Art und Weise zu zensieren (-> „Gesetz zur Bekämpfung der Kinderpornographie in Kommunikationsnetzen“), gab es einen großen Aufschrei von Bürgerrechtlern und Organisationen zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch.
Auch die Unterhaltungsindustrie schrie laut, vor Begeisterung und danach die Zensur auch auf Webseiten auszuweiten, die illegale Kopien von urheberrechtlich geschützten Material anbieten.

Aber die „Contentmafia“ hat auch eigene Ideen:

Zum Beispiel wäre da das Prinzip der „x-Strikes-Regelung“, bei der einem Menschen, der x (<=3) mal bei einer Urheberrechtsverletzung erwischt wurde, der Zugang zum Internet gesperrt wurde und das in Zeiten, in denen selbst seriöse Experten und hochrangige Politiker fordern, selbigen Zugang zum allgemeinen Menschenrecht zu erklären.

Nicht zu vergessen sind auch die wiederholten Bemühungen der Copyright-Lobbyisten, die Regierungen diverser Länder dazu zu bringen, ihnen diverse Möglichkeiten zur Überwachung von Internetnutzern zu geben, die eigentlich den Strafverfolgungsbehörden vorbehalten sind und selbst diesen in jedem einzelnen Fall zuerst durch einen richterlichen Beschluss erlaubt werden müssen.
Selbst die Forderung nach einer Erlaubnis, in private Computer einzudringen, um dort nach „Raubkopien“ zu suchen, halten einige Lobbyisten für angemessen. Es wurde sogar schon vorgeschlagen, im Zuge dessen Selbstjustiz zu üben, indem man die (bereits gehackten) Computer der entlarvten „Raubkopierer“ beschädigt.

Und hier wird der Kauf meiner DVD zum Problem:

Lobbyarbeit kostet Geld und das Geld der Unterhaltungsindustrie kommt unter anderem durch den Verkauf von DVDs.
Anders gesagt: Jedes Mal, wenn ich eine DVD kaufe, helfe ich dabei, einen Krieg gegen meine Bürgerrechte zu finanzieren!

Ein banales, eigentlich erfreuliches Ereignis bekommt so einen äußerst bitteren Beigeschmack:

Zwar habe ich mir etwas gekauft, woran ich Freude habe und gleichzeitig auch noch diverse Künstler unterstützt, die diese Unterstützung meiner Meinung nach absolut verdient haben. Gleichzeitig habe ich aber, wenn auch nur für einen kurzen Moment, meine Überzeugungen verraten und aus selbstsüchtigen Motiven einer Organisation, die ich verachte, dabei geholfen, einen Krieg gegen unser aller Bürgerrechte zu führen.

Immerhin gibt es ein kleines Trostpflaster: Der Film ist meines Wissens eine Independent-Produktion und die von mir gewählte DVD eine Ausgabe, die ein kleiner Verlag in einer Reihe herausgebracht hat, die sich auf wenig bekannte, kontroverse Filme beschränkt. Ich habe insofern die Hoffnung, dass nur ein sehr kleiner Teil des Kaufpreises bei der Contentmafia landet.

(Und ich werde in Zukunft das Wort Contentmafia nicht mehr in Anführungszeichen setzen, denn im Gegensatz zur Bezeichnung „Raubkopierer“  ist es eigentlich völlig zutreffend.)

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