Süchtig? (Teil 2)

Veröffentlicht: 16. September 2013 in Persönliches, Psycho-Scheiße
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Bevor ich genauer darauf eingehe, warum ich an meiner Suchtdiagnose zweifle, möchte ich erst einmal von persönlichen Geschichte mit Cannabis berichten: *

Alles fing damit an, dass ich mit 14 Jahren zum ersten Mal Alkohol trank.

Dieses Erlebnis war aus diversen Gründen äußerst unerfreulich:

1.) Ich war so besoffen, dass ich ausgiebigst gekotzt habe.
2.) Ich hatte danach 2 Tage lang einen wirklich üblen Kater.
3.) Während ich am Tag danach verkatert in meinem Bett lag, rief ein Bekannter, mit dem ich im Rausch eine kleine Meinungsverschiedenheit hatte ** bei mir zu Hause an und fragte freundlich, wie es mir denn ginge, da ich ja am Vorabend furchtbar betrunken gewesen sei.
Dies führte dazu, dass mein Vater zuerst ziemlich sauer wurde, bevor er dazu überging, sich über den Vorfall lustig zu machen und meine Mutter wies mich darauf hin, wie gefährlich Alkohol ist, was sie insbesondere mit meinen Großvätern begründete, die beide Alkoholiker waren und zwar nicht von der angenehmen Sorte.

Kurz gesagt: Ich lernte ziemlich schnell, dass Alkohol ein ziemlich böses Zeug ist.

Kurz danach hatte ich meine ersten Erfahrungen mit Cannabis:

Beim ersten Versuch verspürte keiner von uns eine Wirkung. (Bzw. war sie bei mir so schwach, dass ich erst später irgendwann realisiert habe, dass da doch ein klein wenig passiert war, was ich in dem Moment aber noch nicht zuordnen konnte.)
Der zweite Versuch war deutlich erfolgreicher, in meinem Fall leider zu erfolgreich: Wieder einmal kotzte ich mir die Seele aus dem Leib und die darauf folgenden Stunden war ich nicht wirklich ansprechbar, da ich viel zu sehr damit beschäftigt war, auf dem Boden zu liegen, den Würgereiz zu unterdrücken und fasziniert die sich wiederholenden Melodien in meinem Kopf zu verfolgen und darüber nachzudenken, ob es evtl. sinnvoll wäre, einen Krankenwagen zu rufen zu lassen.
In Bezug auf letzteres entschied ich mich dann aber doch dagegen und wie ich später feststellte, war das eine recht gute Entscheidung, denn nach etwa 2 Stunden ließ die Wirkung nach und mir ging es wieder relativ gut. Am nächsten Morgen war ich dann auch wieder komplett fit und der unangenehme Vorfall nur noch eine Erinnerung.

Mein Fazit hieraus war, dass sowohl Alkohol als auch Kiffen in zu hoher Dosis echt unschön werden können, aber Kiffen selbst im schlimmsten Fall doch noch deutlich harmloser ist. (Eine spätere Internetrecherche bestätigte mir das: Die tödliche Dosis beim Kiffen liegt bei mehreren Kilogramm des reinen Wirkstoffs und ist insofern in der Praxis völlig unmöglich zu erreichen. Bei Alkohol sieht das bekanntermaßen etwas anders aus…)

So kam es also dazu, dass ich Alkohol als etwas schlechtes einstufte und mich stattdessen für Cannabis als meine persönliche Droge entschied.

Im Nachhinein betrachtet wäre es wohl die sinnvollste Entscheidung gewesen, mich komplett von jeglicher Form von Rauschmitteln fernzuhalten, aber einerseits wäre das, gemessen an der mich umgebenden Gesellschaft, ein ziemlich anormales (und insofern negativ auffälliges) Verhalten gewesen und andererseits wollte ich auch ungern auf die Möglichkeit einer gelegentlichen Realitätsflucht verzichten. (Letzteres könnte mit meinen schon damals vorhandenen, vielfältigen psychischen Störungen zu tun gehabt haben…)

In den darauf folgenden Jahren wurde mein Konsum dann regelmäßiger:

Anstatt mir auf Parties die Kante zu geben (was auch ein paar mal vorkam, aber im Vergleich zu meinem Umfeld extrem selten war), kiffte ich mir lieber mit Freunden die Birne zu und statt einem abendlichen Feierabendbier (dass diese Art von Alkoholkonsum problematisch sein könnte, kam mir nicht in den Sinn, denn mein Vater trank ja auch abends meistens eine Flasche Wein und der war schließlich kein Alkoholiker!) wurde es dann halt des öfteren ein kleiner Joint, der in erster Linie Tabak und nur eine sehr geringe Menge Gras/Hasch enthielt.

Im schulischen Bereich brachte das Kiffen mir nie Probleme: Verpeilt war ich sowieso von Natur aus und um ohne größere Probleme zu einem recht akzeptablen Abitur zu kommen, musste ich mich nie wirklich anstrengen.

Sozial gesehen war mein Cannabiskonsum sogar recht vorteilhaft, denn erstens war ich dadurch insgesamt etwas entspannter und andererseits erfüllte ich ja schon von Natur aus recht gut das Klischeebild eines Kiffers und durch die Tatsache, dass ich Gras geraucht habe, ließ sich das recht gut erklären. (Menschen mögen es nicht, wenn sie etwas nicht verstehen und insofern war ich als typischer Kiffer deutlich akzeptierter als vorher als jemand, bei dem genau das selbe Verhalten nicht auf Drogenkonsum zurückzuführen war…)

Schwieriger wurde es erst, als ich mit 20 in eine eigene Wohnung zog, meine erste ernsthafte Beziehung (mit einer sehr schwierigen Partnerin) hatte und zu studieren anfing.

Während die Herausforderungen des täglichen Lebens zunahmen, wurde es für mich auch zunehmend schwerer, mit meinen diversen psychischen Problemen klarzukommen, insbesondere da mir diese damals noch kaum bewusst waren.
Zu dieser Zeit entwickelte ich erstmalig ein Konsumverhalten, dass man durchaus als Sucht betrachten kann und das ich irgendwann auch selbst als eine solche wahrnahm:
Ich kiffte irgendwann täglich, einerseits auch um mit meinen Beziehungsproblemen klarzukommen und andererseits, um im Alltag besser zu funktionieren, denn im Gegensatz zum normalen/typischen Kiffer wurde ich nicht wirklich träge, sondern es fiel mir dadurch im Gegenteil oft leichter, Dinge zu erledigen.

Während ich also Cannabis immer gezielter einsetzte, um mit meinem Leben besser zurechtzukommen, entwickelte ich andererseits einen immer stärkeren Glauben daran, dass mein einziges Problem im Leben die Sucht nach Gras sei und dass alles gut wäre, wenn es mir nur gelingen würde, davon loszukommen.
Phasen, in denen ich das Kiffen sein ließ, zeigten aber leider, dass das Gegenteil der Fall war und mit der Zeit forschte ich immer mehr nach, woher meine Probleme kamen und entdeckte diverse psychische Krankheiten, die weit über die ursprünglich von mir vermutete leichte Depression hinausgingen.

Ab diesem Punkt wandelte sich meine Wahrnehmung meines Cannabiskonsums und ich glaubte nicht mehr an eine Sucht sondern sah darin eine (nicht so ganz zweckmäßige) Selbstmedikation.

Zuerst versuchte ich dann, diese durch Ritalin zu ersetzen (natürlich auf ärztliche Verschreibung) und das half auch gut gegen meine ADS-Problematik, aber leider zeigte sich dadurch auch, dass ADS eben nicht mein einziges Problem war und es kristallisierte sich mit der Zeit die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) heraus.

Gewohnheitsmäßig kiffte ich also wieder für eine Weile, bis ich irgendwann ein Tief erreichte, dass mich zu einer teilstationären Behandlung in einer Tagesklinik zwang.

Danach ging es mir wieder besser und ich schaffte es auch, ein komplettes Jahr abstinent von sämtlichen Drogen (abgesehen von einem Antidepressivum) zu bleiben, bis ich irgendwann entschied, dass ich nach einem Jahr doch nochmal probieren könnte, ob ich das Kiffen nicht inzwischen so weit im Griff habe, dass ein gelegentlicher Konsum funktioniert.
Wie sich herausstellte, war diese Annahme falsch und ich kiffte mehrere Tage am Stück, bis mein kleiner Vorrat aufgebraucht war.

Im darauf folgenden Jahr fing ich dann auch wieder an, bewusst(!) für mehrwöchige Phasen aus der Realität, in der temporär unlösbare Probleme mich extrem belasteten, zu flüchten. Zwischendurch ließ ich es aber auch immer wieder sein und arbeitete gleichzeitig daran, meine Probleme durch Psychotherapie dauerhaft anzugehen.

In Bezug auf letzteres war ich auch relativ erfolgreich, aber da es mir zu lange dauerte, entschied ich mich irgendwann dafür, mittels eines Klinikaufenthalts einen größeren Fortschritt in kürzerer Zeit erzielen zu wollen.

Als ich dann letztendlich in der Klinik ankam, hatte ich schon wieder 3 Wochen lang kein Cannabis angerührt und dachte auch über dieses Thema nicht im Geringsten nach, denn schließlich hatte ich ja jetzt eine deutlich bessere Alternative vor Augen.

Leider waren aber in meinem ersten Urintest*** noch Rückstände zu finden (der zweite Test ein paar Tage später war dann allerdings schon wieder negativ) und da ich effektiv vorwärts kommen wollte, verschwieg ich natürlich den Therapeuten auch nichts über meinen bisherigen Konsum.

Also wurde eine Suchtdiagnostik gemacht und obwohl der dafür zuständige Suchttherapeut sich dagegen entschied, eine Diagnose zu stellen, wurde er überstimmt und seitdem bin ich offiziell abhängig von Cannabinoiden.

Inzwischen bin ich wieder zu Hause (siehe „Süchtig? (Teil 1)“ ) und habe seit knapp 2 Monaten nicht mehr gekifft. Ich habe auch inzwischen für mich entschieden, endgültig die Finger von Cannabis zu lassen, was mir auch eigentlich nicht allzu schwer fällt. Gedanken an die Droge kommen fast auschließlich daher, dass ich mich nun zwangsläufig mit der Diagnose auseinandersetzen muss.

Eine Suchtbehandlung kommt mir insofern relativ sinnfrei vor, denn die Situationen, in denen ich die größte Gefahr sehe, wieder kiffen zu wollen, sind allgemein problematisch und im Rahmen einer Borderline-Therapie muss ich sowieso lernen, mit diesen Momenten klarzukommen, ohne mich in irgendeiner Weise selbst zu schädigen (und das schließt Drogenkonsum logischerweise mit ein).

Andererseits klingen mir aber noch immer die Worte der Klinik-Therapeuten nach, die die Meinung vertreten haben, ich müsse unbedingt erstmal meine Sucht behandeln und auch wenn ich in dieser Hinsicht noch immer sehr skeptisch bin, muss ich zugeben, dass sie in vielen anderen Punkten eindeutig Recht hatten…

 

* Da ich mich an vieles in meinem Leben nicht mehr besonders genau erinnere, sind die Zeit- und Mengenangaben hier grobe Schätzwerte.

** Er hielt es für unterhaltsam, mich in meinem betrunkenen Zustand mit einer Absperrkette aus Hartplastik zu fesseln, wogegen ich es bevorzugte selbige Kette als Waffe zu benutzen, um mich gegen seinen Angriff zu wehren.

*** Die von mir gewählte Klinik behandelt neben Depressionen insbesondere Suchterkrankungen und insofern war dieser Test dort allgemeiner Standard.

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