Archiv für März, 2014

ADHS-Logik

Veröffentlicht: 24. März 2014 in Uncategorized

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

erzaehlmirnix

Ich weiß, dass viele das anders sehen aber als jemand, der sich beruflich sehr ausführlich mit ADHS und der Behandlung dagegen befasst hat, bin ich absoluter Vertreter der o.g. Meinung. Ein Kind mit ADHS wird nie sein volles Potential ausschöpfen können, weil es sich nicht seiner Intelligenz entsprechend konzentrieren kann. Eine gesunde Skepsis gegenüber Medikamenten rechtfertigt m.E. nicht, eine Erkrankung unbehandelt zu lassen und damit das Kind immer zu zwingen sich mehr anzustrengen um weniger zu erreichen.

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In Bezug auf folgenden Comic von Erzählmirnix:

http://erzaehlmirnix.wordpress.com/2014/03/19/gefahrlich/

 

Irgendwie war mir schon beim zweiten Panel klar, worauf das hinausläuft, weil ich mich schon beim ersten Panel über die Blödheit solcher RTL-Selbstversuche (die es ja leider wirklich gibt) aufgeregt habe… ;)

Insgesamt ist das aber auch ein Thema, zu dem nur sehr selten mal jemand etwas sinnvolles von sich gibt:

Die Behauptung, Ritalin sei totaler Mist und das könne man den Kindern nicht geben, ist natürlich total bescheuert, aber dafür vertritt die Gegenseite meistens genauso radikal die These, dass Ritalin das alleinige Heilmittel für AD(H)S ist (natürlich nur bei Kindern, aber dazu gleich).
Wenn man diese Menschen dann darauf hinweist, dass MPH sich nur minimal von Amphetaminen unterscheidet und prinzipiell auch kaum ungefährlicher ist (lest euch mal den Beipackzettel von Ritalin durch, ist online ganz leicht zu finden), kommt dann meistens sowas wie „Ne, das kann nicht sein, das würde man doch dann keinen Kindern geben!“.

Noch viel abstruser wird es dann aber, wenn es um Erwachsene mit AD(H)S geht:
Plötzlich vertreten nämlich sogar Ärzte die These, dass Ritalin doch keine Lösung ist und man es doch lieber mit Verhaltenstherapie probieren soll. Gerne wird dabei auch noch die Gefahr des Drogenmissbrauchs mit ins Spiel gebracht, wobei dann natürlich komplett außer Acht gelassen wird, dass diese Gefahr bei ADS’lern eigentlich schon allein aufgrund des ADS gegeben ist, denn schließlich wirkt sich quasi jede uns bekannte Droge in irgendeiner Form auf den Dopaminhaushalt aus und lindert so mehr oder weniger gut die ADS-Symptomatik.
Plötzlich ist es dann auch relevant, dass MPH nur mit BTM-Rezept abgegeben werden kann, was absurderweise auf deutlich gefährlichere Mittel wie zum Beispiel Benzos wiederrum nicht zutrifft. (Lorazepam bzw. „Tavor“ wird bei Erwachsenen genauso sorglos verschrieben, wie bei Kindern Ritalin.)

Ich spreche hier übrigens aus Erfahrung:

Als ich mit Mitte 20 das erste Mal die Vermutung hatte, AD(H)S zu haben, habe ich einen Test gemacht, der zu dem Ergebnis kam, dass ich „eine leichte Form von ADHS habe“, aber von Medikamenten hielt der Arzt nichts.

Nun wusste ich also, dass ich ADS habe (obwohl ich von der „leichten Form“ nicht ganz überzeugt war), aber besser ging es mir dadurch natürlich noch kein bisschen.
Also bin ich als Nächstes zu einem Psychiater gegangen, der einem Bekannten von mir, der diese Diagnose bereits hatte, sein Ritalin verschrieben hat.
Während des Gesprächs kam dann natürlich auch die berühmte Frage, ob ich denn schon mal irgendwelche Drogen genommen hätte, was ich direkt mit „Amphetamine habe ich nie ausprobiert“ verneinte und am Ende des Gesprächs wurde mir dann erklärt, dass es sich ja auch statt um ADS um eine bipolare Störung mit Rapid Cycling handeln könne (was sich bei späterer Recherche als absoluter Blödsinn herausstellte) und der Arzt mir deswegen nur ein „amphetaminähnliches Antridepressivum“ anbieten könne (was sich später als Neuroleptikum herausstellte).

Es folgte ein weiterer Versuch mit einem weiteren Arzt. (Warum der erste Kandidat mein Vertrauen verloren hatte, brauche ich wohl kaum erwähnen.)
Diesmal bereitete ich mich besser vor, indem ich mir auf dem Schwarzmarkt ein wenig Speed (also Amphetamine) für den einmaligen Selbstversuch besorgte und so konnte ich dem nächsten Psychiater berichten, dass dieses auf mich äußerst beruhigend gewirkt hatte und für die Wirkdauer dieses ständige Gefühl von „Getriebensein“ endlich einmal weg war.
Der nächste Arzt meinte dann auch einfach nur, wir könnten es ja mal mit Ritalin probieren und verschrieb mir erstmal eine kleine Packung, nachdem ich Erfolge berichten konnte, wurde es eine größere.
Hierbei kurz ein Wort zur ADS-Diagnostik: Auch wenn dies in der klassischen Diagnostik nicht getan wird, scheint der Selbstversuch mit Ritalin (oder notfalls Amphetaminen, wenn sich kein Arzt findet, der den Selbstversuch unterstützen möchte) die effektivste Methode zu sein, um herauszufinden, ob man AD(H)S hat. Der Unterschied, ob einen die Droge aufputscht oder beruhigt, ist nämlich sehr leicht erkennbar…

Leider war (und ist) für mich damit die Odysse noch nicht erledigt:

Nach einer Weile mit Ritalin stellte ich fest, dass manche Symptome fast verschwunden waren (von den Rebound-Phasen mal abgesehen), aber andere komplett unverändert blieben und dadurch viel klarer erkennbar waren.
Für mich bedeutete das, dass ich offenbar ADS habe und leider aber auch noch andere psychische Probleme.

Ich probierte es also wieder mit Psychotherapie und landete irgendwann bei einer BPS-Diagnose („emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline Typ“).
Damit fing das Drama wieder von vorne an:
Plötzlich wurde das bereits diagnostizierte ADS in Frage gestellt, denn angeblich seien die ADS-Symptome ja auch durch die Borderline-Störung erklärbar und Ritalin könne man einem Borderliner ja sowieso nicht geben, da wir ja generell sehr suchtgefährdet seien.
Dass die ADS-Diagnose bereits professionell gestellt worden war und auch ein Therapieerfolg mit MPH bereits belegt war, wurde dabei gekonnt übergangen.

In späteren Therapieversuchen lief es dann meistens immerhin darauf hinaus, dass die behandelnden Ärzte/Therapeuten die (bereits gesicherte!) ADS-Diagnose nicht komplett ausgeschlossen haben, sie aber weder bestätigen, noch behandeln wollten.

Immer wieder einmal kam auch der beliebte Klassiker: „Sie brauchen kein Ritalin, denn sie können sich doch sehr gut konzentrieren!“.

Gemeint dabei waren in meinem konkreten Fall der Therapiesitzungen, an denen ich immer höchstes Interesse hatte, was auf den ersten Blick sogar Sinn ergeben kann, aber eigentlich nur für einen Laien, denn den Fachleuten sollte doch eigentlich bekannt sein, dass es bei ADS dieses Phänomen der „Hyperkonzentration“ gibt, bei dem sich die Betroffenen auf Dinge, die sie interessieren nicht nur gut konzentrieren können, sondern mitunter sogar stundenlang komplett darin versinken und absolut nichts anderes mehr mitkriegen.

Der aktuelle Stand sieht bei mir insofern so aus, dass ich noch immer in Behandlung bin, in Bezug auf meine Persönlichkeitsstörung sehr langsam vorankomme (schneller Fortschritte sind dabei aber auch eher selten) und zwei Sorten Medikamente nehme, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie zusammen genommen nicht sogar weniger effektiv sind als Ritalin alleine und wovon eines mich müde und etwas langsam im Kopf macht.
Meinen Traum, mich durch eine Kombination von Ritalin und einem Antidepressivum nicht dauerhaft total beschissen zu fühlen (und natürlich zusätzlich auch weiterhin mit Psychotherapie an mir selbst zu arbeiten), habe ich inzwischen so ziemlich aufgegeben.
Ich bin immer noch der Meinung, dass dieser Ansatz der sinnvollste wäre, da ich mir ziemlich sicher bin, dass mir damit viel schneller und effektiver geholfen würde, aber da die Fachleute ja scheinbar einhellig der Meinung sind, dass diese Überzeugung nur mein Wunsch danach ist, mir Drogen reinfahren zu dürfen, behalte ich ihn zur Zeit für mich und gebe mich mit dem besten zufrieden, was ich realistischerweise an Behandlung kriegen kann…

Erwähnte ich übrigens schon, dass mir bei meinem letzten Klinikaufenthalt fälschlicherweise (= sowohl von meinem Psychiater als auch von der Suchtberatung für Blödsinn erklärt) eine Drogensucht diagnostiziert wurde? Das war ein Spaß! Nach 3 Wochen durfte ich wieder heimfahren, weil meine Krankenversicherung die Behandlung meiner eigentlich gar nicht existenten Drogensucht nicht bezahlen wollte. Ironischerweise war der Klinikaufenthalt (abgesehen von den kindergerechten Einheiten über alles, was ich schon als Kind über Drogensucht wusste) wirklich hilfreich, danach ging es mir sogar für eine Weile besser…