Archiv für Mai, 2015

Replik zum Welt-Artikel „Im Netz sind wir nur Gäste“:
(Zusammenfassung: Der Autor sieht den modernen Journalisten als Gast auf den privaten Parties seiner Leserschaft und ruft dazu auf, sich entsprechend manierlich zu verhalten.)

Ein interessanter Blickwinkel, aber leider nicht richtig zu Ende gedacht:

Wenn ich jemanden zu meiner Hausparty einlade, tue ich das, weil ich die Art der Person mag und sie als Bereicherung für meine Party betrachte. Dabei gibt es keine allgemein gültigen Regeln, wie ein guter Partygast sich zu benehmen hat. Das kommt ganz auf die Party an.

Natürlich ist ein gewisses Mindestmaß an Anstand und Zurückhaltung meistens passend, aber selbst das kann man nicht verallgemeinern:
Auf den meisten Parties ist der sturzbesoffene Idiot, der für totales Chaos sorgt, Dinge kaputt macht und eine Menge Gründe erschafft, sich bei den Nachbarn zu entschuldigen, eher ungerne gesehen. Auf manchen Parties hingegen ist der im Nachhinein das absolute Highlight, von dem man noch Jahre erzählen wird und die betreffende Person wird garantiert zu jeder folgenden Party eingeladen, weil die Gastgeber lieber ein gewisses Maß an Partyschäden in Kauf nehmen, als zu riskieren, dass es langweilig wird…

Oder um ein etwas weniger extremes Beispiel zu nehmen:
Person A ist laut, extrovertiert und hat immer den neuesten Tratsch zur Hand.
Person B ist ruhig, viele würden sagen „ein wenig merkwürdig“, ist kaum in der Lage, Smalltalk zu führen und redet eigentlich immer über ernste, „schwere“ Themen, die auf vielen Parties eher fehl am Platz sind.

Auf der typischen Party mit lauter Musik und Bier ist A wohl eher erwünsch als B. In einer geselligen Runde bei ein paar Gläsern gutem Rotwein, während im Hintergrund leise Bach läuft, kann B hingegen deutlich eher punkten als A.
Und manche große Party wird erst dadurch wirklich gut, dass man dort auf der Tanzfläche A trifft, während ein wenig Abseits B mit Gleichgesinnten hochgeistige Diskussionen führt und man selbst hat die Möglichkeit, sich frei nach Laune dem Einen oder Anderen anzuschließen.

Worauf ich hinaus will:
Viele Journalisten sind heutzutage so sehr darauf fixiert, sich „passend“ zu verhalten, dass sie dabei völlig vergessen, dass es überhaupt keine allgemeingültige Definition für „passend“ gibt. Als Resultat wird es dann immer weniger relevant, ob man den Newsfeed der Bunten oder der FAZ abonniert.

Das Wichtigste, um im Internet als Journalist zu überleben, ist ein klares Profil!
Dabei ist es völlig egal, wenn 99% der Bevölkerung dieses Profil so richtig beschissen findet und die Artikel des Betreffenden deshalb nie lesen würde. Wenn die restlichen 1% aus genau dem selben Grund zu Stammlesern werden, hat man eine Reichweite, von der die Meisten nur träumen können.

Das Schlimmste, was man in dieser Hinsicht tun kann, ist sich so stark der Allgemeinheit anzupassen, dass man am Ende von 100% der potentiellen Leser für völlig ersetzbar gehalten wird.

Vor dem Internet war das natürlich anders. Damals war die Erwartung der Leser, von ihrem gewählten Medium über alles wichtige informiert zu werden. Heute aber ist der Anspruch ein anderer: Man möchte über das informiert werden, was einen persönlich interessiert und mit dem Rest bitteschön in Ruhe gelassen werden!

Im Bereich Social Media ist das sogar noch viel wichtiger, denn das, was sowieso in allen Medien präsent ist (und wohl am ehesten als „wichtige Sondermeldung“ durchgehen würde), wird sowieso von mindestens einer Person im eigenen Netzwerk kommentiert und/oder zu einem entsprechenden Artikel verlinkt. Der Journalist, der ausschließlich diese Themen anspricht, könnte also nutzloser kaum sein.

Wenn ich will, dass meine Party in guter Erinnerung bleibt, lade ich nicht die typische In-Crowd ein, die man sowieso überall sieht. Mein perfekter Partygast ist ein unbekanntes Gesicht, das viel Interessantes bietet, an das sonst niemand denken würde.

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