Mit ‘Medienkritik’ getaggte Beiträge

Macht Pegida dumm?

Veröffentlicht: 29. Januar 2015 in Uncategorized
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So langsam frage ich mich doch, ob Pegida nicht gefährlicher ist, als ich ursprünglich dachte.

Ich glaube zwar noch immer, dass die Pegida-Demonstranten nicht wirklich eine rechte Gefahr darstellt, sondern nur vergleichsweise harmloser, uninformierter Aktionismus ist. Es erscheint mir jedoch immer wahrscheinlicher, dass die Borniertheit mit der rechte Mythen wie der Islam-Rabatt als Beispiele für die fortschreitende „Islamisierung“ herangezogen werden, durchaus ansteckend ist.

Das neueste Beispiel, das diese Befürchtung zu bestätigen scheint, habe ich gerade im Blog von Stefan Niggemeier gelesen:
http://www.stefan-niggemeier.de/blog/20380/welt-und-leipziger-volkszeitung-fallen-auf-falsche-pegida-seite-herein

Auf den ersten Blick handelt es sich hierbei nur um ein weiterer Fall von schlechter Recherche und Aufmerksamkeitsgeilheit der Medien: Eine Pegida-Satire wird von einer Zeitung für bare Münze genommen (oder die besagte Zeitung tut zumindest so, um einen Aufsehen erregenden Artikel schreiben zu können), mehrere Mainstream-Medien springen auf den fahrenden Zug auf ohne die Geschichte zu hinterfragen und Stefan Niggemeier klärt in seinem Blog darüber auf, was eigentlich passiert ist.
Eigentlich eine Standardsituation, bis auf eine Kleinigkeit:
Die Kritik an denjenigen, die sich damit schwer tun, Satire und Realität zu unterscheiden, macht letztendlich einen ähnlichen Fehler.

Genauer gesagt, geht es um folgende Passage:
„Um es kurz zu machen: Hinter der Facebookseite stehen keine Unterstützer von Lutz Bachmann oder Pegida. Im Gegenteil. Es handelt sich um eine Satire, die die die neurechte Rhetorik in überspitzter Form persifliert. Darauf reingefallen sind wohl auch zahlreiche Pegida-Anhänger, die anfeuerten, kommentierten, „gefällt mir“ klickten und teilten.

Zugegebenermaßen spricht Herr Niggemeier nur von „zahlreichen“ Pegida-Anhängern und begrenzt die Zuverlässigkeit der Aussage mit einem „wohl“, aber wenn man den Artikel am Stück liest, übersieht man diese Details dann doch recht leicht, insbesondere in Verbindung mit dem darauf folgenden Zitat des verantwortlichen Satirikers, dessen zweiter Satz lautet:
„Oder auch: Wie sammle ich 2700 Pegidioten in einer Woche:“

Ich möchte Herrn Niggemeier nun nicht unterstellen, bewusst der Eindruck zu erwecken, dass es sich bei den Unterstützern der Pegida-Satire zumindest großteils um Leute handelt, die das ernst meinen, aber er stellt dies nunmal auch nicht in Frage, was mmn. jedoch bei genauerer Betrachtung durchaus angebracht wäre:

Zuerst einmal das offensichtlichste Problem: Selbst wenn es sich bei den 2700 Likes wirklich ausschließlich um Pegida-Anhänger handelt, sind das nicht einmal 2% dessen, was die echte Pegida-Seite zu verzeichnen hat. Hinzu kommt, dass 2700 Likes in Facebook-Maßstäben auch unabhängig von dieser durchaus ernüchternden Quote nicht wirklich viel sind.

Als nächstes kommt dann auch noch die Frage, ob die eigentlich doch nicht so zahlreichen Befürworter der Satire wirklich Pegida-Anhänger sind oder ob es sich dabei nicht vielmehr um Leute handeln könnte, die durchaus verstanden haben, dass es sich um eine Satire handelt und gerade deswegen auf „Like“ geklickt haben. Die Satire ist nämlich bei Weitem nicht so schwer zu entlarven, wie man anhand des Niggemeier-Artikels denken könnte:
Unter Anderem wird dort Claudia Roth als „Agentin der islamistischen „SALATFISTER““ bezeichnet, was selbst beim dümmsten Neonazi (*) für Zweifel an der Echtheit der Seite sorgen sollte. (**)

Kurz gesagt: Es ist nicht nur möglich, sondern durchaus wahrscheinlich, dass ein Großteil derjenigen, „die anfeuerten, […] „gefällt mir“ klickten und teilten“ sich dabei genauso über Pegida lustig gemacht haben wie derjenige, der das Fake-Profil erstellt hat. Diese Leute Pegida zuzuordnen erscheint mir insofern ähnlich sinnlos, wie jemanden, der begeistert ein Titanic-Heft mit Hitler auf dem Cover liest, deswegen als Nazi zu bezeichnen…

Was natürlich trotzdem bleibt, sind einige Kommentare, die durchaus ziemlich rechts wirken. Allerdings wurden diese erstens nur von einem kleinen Teil derjenigen geschrieben, die die Seite geliked haben, und zweitens ist auch hier nicht gesagt, dass es sich bei den Verfassern auch wirklich um Leute gehandelt hat, die das ernst meinen. Flamebaiting und Getrolle sind ja schließlich im Internet nicht gerade eine Seltenheit.

Meine Zusammenfassung des Ereignis würde insofern lauten:
– Irgendjemand hat auf Facebook mehr oder weniger erfolgreich eine Pegida-Satire inszeniert, die wahrscheinlich von einigen Leuten (die vermutlich die Artikel gar nicht wirklich gelesen haben) ernst genommen wurde.
– Ein paar Zeitungen haben so getan, als wäre ihnen jeder Wink mit dem Zaunpfahl völlig entgangen, um daraus einen Aufreger-Artikel machen zu können, woraufhin der für die Seite Verantwortliche das Ganze stolz „aufgeklärt“ hat.
– Selbiger hat darufhin auch gleich die Gelegenheit dazu genutzt, jeden Like seiner Seite zum „Pegidioten“ zu erklären, der die Satire nicht erkannt hat und vermutlich weil die Annahme, dass Pegida eh nur aus doofen Nazis besteht, gerade so beliebt ist, wurde das Märchen vom angeblich so erfolgreichen Fake selbst von einem normalerweise sehr skeptischen Medienjournalisten wie Herrn Niggemeier ohne weitere Nachfrage übernommen.

Fazit:
Warum sich die Mühe geben, einen erfolgreichen Fake aufzuziehen, wenn man doch genauso gut im Nachhinein den Erfolg faken kann…

 

(*) Das ist nur ein Beispiel! Ich habe keine Ahnung, ob der dümmste Neonazi zu Pegida gehört oder ob es bei Pegida überhaupt mehr als ein paar vereinzelte Rechtsradikale gibt…
(**) Bemerkenswerterweise entspringt dieses Zitat einem Satz, auf den sich die „auf den Fake hereingefallene“ Zeitung explizit bezieht! Man folgere daraus, was man will…

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